Festanstellung in der Web-IT-Branche in Leipzig - Off Topic - Blog - seekwhencer - privates blog

Festanstellung in der Web-IT-Branche in Leipzig

Mittlerweile kann ich fast empirisch über die Leipziger Web-IT sprechen. Insbesondere über die Bewerbung und den folgenden Gesprächen.

Die erste Hürde ist die schriftliche Bewerbung selbst. Bei mir klappt das meist so, dass ich mich da kurz fasse. Also besteht das bei mir aus einer Art Motivationsschreiben, einer Stichpunkt-Vita und vielleicht einen Fingerzeig auf ein paar Referenzen. Das wars.

Dieses Dokument wird als PDF verschickt und ist als rechtl. Bewerbung anzusehen. Denn ein Arbeitsvertrag kann nur zustande kommen, wenn eine Bewerbung vorliegt. Man kann nicht jemanden einfach so einstellen.

Dann erfolgt meist eine unbestimmte Zeit des Wartens. Für mich hat das was von wegen: "Fire and forget". Unhöflich empfinde ich jene Unternehmen, die zwar Stellen ausschreiben, es aber nicht für Nötig halten, einen Einzeiler zurückzuschicken, wenn bspw. die Stelle besetzt ist oder man nicht passt. Was also das Feedback angeht, sind Unternehmen sehr unterschiedlich.

Professionelle Unternehmen erkennt man, wenn ein Feedback zurückkommt. Sei es positiv oder negativ. Ist ja egal. Erlebt habe ich auch schon, dass ein Unternehmen knapp 10 Monate NACH der Bewerbung sich meldet.

Nachdem man nun eine Einladung erhalten hat, bereitet man sich auf das Unternehmen vor:

  • Was ist das Kerngeschäft?
  • Wie lange gibt es das Unternehmen?
  • Wieviele Mitarbeiter sind beschäftigt?
  • Wie schaut die Bilanz aus? (kann man recherchieren)
  • Welchen Ruf hat das Unternehmen?
  • Welche ethischen und moralischen Vereinbarungen sind nötig?

Nachdem also ein paar Fakten zur Branche und zum Geschäftmodell gesammelt wurden, weiß man grob, worum es geht.

Ein wichtiger Punkt ist zumindest für mich: Wie ist der Ruf des Unternehmens? Um das herauszufinden, befragt man einfach ein paar Freunde. Eines muss einem dann aber klar sein: es wird immer schlimmer erzählt, als es wirklich ist. Aber manchmal bekommt man tatsächliche Gruselgeschichten zu hören - was einen aber nicht abhalten soll, die Räume sich wenigstens von innen anschauen zu können.

Wie sieht so ein Bewerbungsgespräch aus?

In der Regel ist es so, dass man mit einem Personalverantwortlichen (PV) spricht und dann mit einem Techniker (T). Es sind i.d.R. also zwei Leute bei der Bewerbung anwesend. Bei Unternehmen die einen Betriebsrat haben könnten, ist eben der Betriebsratvorsitzende mit dabei. Erlebt habe ich ein Bewerbungsgespäch mit insg. 7 Personen. Das ist natürlich dann der Hammer! Wen spricht man an? Wo guckt man hin? Wo setzt man sich hin?

Und dann gehts los: als erstes wird vom PV ein wenig übers Unternehmen erzählt. Auch wenn man das alles schon weiß: freundlich nicken und mal ein "Aha - das ist ja interessant" einwerfen. Eine Frage kann gestellt werden. Diese Frage sollte aber nicht etwas in Frage stellen, also kritisch sein, sondern darauf abzielen, eine eigene Wissenslücke zu füllen. Nachdem das abgefrühstückt ist, was nach 10 Minuten der Fall sein sollte, gehts dann um einen selbst.

"Erzählen Sie doch ein bisschen über sich" - lautet es dann meistens. Das greife ich so auf, dass ich Motivation, Vita und Referenzen in einem Monolog abspule. Traumatische Erlebnisse, vernichtende Urteile oder Dampfwalzen ausgeschlossen - auch wenn die Zunge juckt. Also geht man jede Station des Lebens durch und reflektiert ein wenig. Wichtig ist: nicht lügen - aber die guten Sachen hervorheben und die nicht so guten gar nicht erst ansprechen.

Und was ist mit der Körpersprache?

Klare NO-GOs sind m.E.: Arme verschränken, Hände unterm Tisch, häufig die Sitzposition wechseln, herumfummeln an irgendwas, mit Buckel dasitzen, beim Reden an die Wand oder aus dem Fenster gucken. Aber auch das Lachen muss geübt sein, was mir nicht gelingt, ich lache immer zu laut. Dabei ein Geheimtipp: wenn es möglich ist, sein Gegenüber auch mal einen Lacher abzuringen, steigert die Sympatie - aber Vorsicht: nicht andere durch den Kakao ziehen und auch keine selbstvernichtende Selbstironie.

Soft-Skills, kann man das essen?

Auf die Frage: "Sind Sie teamfähig?" gibt es nur eine Antwort: "JA". Also darf man nicht erwarten, dass diese Frage gestellt wird. Viel eher muss man sich mit der eigenen Vorstellung von Teamwork beschäftigen. Wer schon im Team gearbeitet hat, weiß, worauf es ankommt. Wer nicht, sollte sich ernsthaft Gedanken machen, was er oder sie sich darunter vorstellt. Dabei gibts zwei elementare Fragen: Welche positiven und negativen Folgen kann Teamwork haben? Dabei drängt sich vor allem die Frage auf: welche Soft-Skills muss man besitzen, damit man als teamfähig gilt?

An diesem Punkt macht man sich am besten über das Selbstbild Gedanken: Kann man mit mir alles machen? Fresse ich jeden Dreck? Sage ich zu allem ja und amen? Oder habe ich eine narzistische Störung und muss jedem meine Meinung aufs Auge drücken? Ich bin der Meinung, dass die Kindheit viel verrät. Also ob man Geschwister hat und vor allem: der wievielte man in der Reihe der Geschister ist. Ist man der Erste? Oder das Nesthäkchen? Einzelkind?

Aber wichtiger ist: kann man sich selbst dem Kollektiv unterordnen? Also ist einem klar, dass Entscheidungen für einen selbst vielleicht nachteilig sein können, für die Gemeinschaft aber von Vorteil? Scheint ja erstmal vernünftig - doch wo verläuft die Grenze? Ich denke, dass muss man dann im Job selbst herausfinden.

Dann stellt sich die Frage, wie man arbeitet. Also ob man der Praktiker ist, der vielleicht eher draufloswerkelt - oder ist man der Theoretiker, der sich intensive Gedanken macht, bevor überhaupt was passiert. Klar ist: beide Extreme sind unschön. Bzw. ist je nach Größe des Unternehmens gar kein Platz für ein Extrem. Also muss man die gesunde Mitte finden.

Der Arbeitsvertrag, hat so seine Tücken. Sind Wettbewerbsverbote enthalten? Darf man nebenbei noch was machen? Befristet? Unbefristet? Auch das Gehalt und vor allem dessen Steigung sollte vermerkt werden. Und was kann man verdienen? Tja. Ich habe festgestellt, dass hier im Osten, insb. in Leipzig das Gehalt im Vergleich zu Bremen (nur dieser Vergleich ist mir möglich) - ja - wie soll ich sagen - witzlos is? Also wer als Berufseinsteiger 30K erreicht, ist schon gut. Allerdings ist die Fahnenstange auch da bald zuende. Darum sind so Einstiegsgehälter von unter 2.500 brutto im Monat eher normal... Und über 3K mtl. sind mehr oder minder denen überlassen, die auch Personalverantwortung tragen. Wer also denkt, mit seinem Master in der Tascher hier in Leipzig ein branchenübliches Gehalt zu bekommen, wird verstört sich fragen: "Wozu habe ich studiert?". Da gibt es sogar Modelle, wo es ein niedriges Grundgehalt gibt und man auf Level nur mittels Überstunden kompensiert.

Und so haben die Arbeitszeiten hier in Leipzig etwas familienfeindliches an sich. Wochenstunden über dem gesetzl. Limit sind keine Seltenheit.

Bis hierher erstmal genug. Man sollte beachten: Ausnahmen bestätigen die Regel! Wer denkt, ich würde über ALLE generell diese Meinung haben, irrt gewaltig!